𝕊𝕡𝕠𝕚𝕝𝕖𝕣𝕗𝕣𝕖𝕚𝕖 ℝ𝕖𝕫𝕖𝕟𝕤𝕚𝕠𝕟
Als ich die ersten Seiten aufschlug, dachte ich: „Ein Haus als Erzähler? Klingt gewagt.“ Doch genau das gelingt Szántó auf eine überraschend stimmige Weise: Das Gebäude wird zur Zeugin vieler Leben: Von der NS-Zeit bis in die Gegenwart, von den Nazi-treuen Eltern der kleinen Irma über die jüdische Familie Sternheim bis zur Gegenwarts-Schülerin Nele.
Was mir besonders gefallen hat:
• Die Idee, dass ein Haus seine Mauern, Dielen, Ritzen als Speichermedium von Erinnerung nutzt – das ist poetisch und zugleich eindringlich. Ich spürte oft, wie der Raum selber atmet und das Gewesene nicht einfach begrub.
• Der Schreibstil gefällt mir: Mal ruhig, mal eindringlich, mit Details, die hängen bleiben. Ich fand, dass der Autor Wortwahl und Satzbau bewusst nutzt, um das Gewicht der Jahre, der Lasten, der unausgesprochenen Dinge zu zeigen.
• Die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart ist kein einfacher „damals-und-heute“-Gegenüberstellung. Vielmehr drängt sich das Gefühl auf, dass die Treppenstufen zwischen den Generationen kaum Höhenunterschied haben – alles liegt nahe beieinander. Ich mochte diesen Effekt sehr.
• Die Figuren sind gut angelegt: Irma mit ihrer Schuld- und Erinnerungs-Last, Nele mit ihrer ersten Ahnung davon, dass Geschichte nichts Abstraktes ist, sondern in ihrem Haus ebenso Platz genommen hat wie im Lehrbuch. Ihre Annäherung aneinander ist glaubwürdig und zart.
Was mich nachdenklich gestimmt hat (und kleinere Kritikpunkte):
• Der Einstieg war für mich ein wenig holprig. Die Perspektive des Hauses braucht etwas Zeit, um sich zu „setzen“. Ich brauchte einige Seiten, bis ich mich darauf eingelassen hatte. In ein paar Rezensionen wird das ähnlich beschrieben: „Anfangs nicht ganz leicht reinzukommen, weil … die Erzählperspektive ungewöhnlich ist.“
• Manchmal wechseln Zeitebenen und Bewohner so schnell, dass ich einige Momente noch einmal näher gelesen habe, um nachzuvollziehen, wer gerade spricht und aus welcher Generation. Für Leserinnen, die eher eine lineare Erzählung bevorzugen, könnte das etwas anstrengend sein.
• Obwohl das Thema (NS-Zeit, Erinnerung, Verantwortung) wichtig und eindringlich ist – gelegentlich hatte ich das Gefühl, dass die Symbolkraft ein wenig dominiert: Das Haus erzählt, die Mauern erinnern, die Generationen verbinden sich … Das ist stark, aber ein Hauch mehr Alltag und weniger „Bühnenhaftes“ hätte mir persönlich gut gefallen.
Mein Fazit
Alles in allem war das Buch für mich eine lohnende Lektüre. Es regt an, still zu werden und nachzudenken: Wie viel von der Vergangenheit steckt in unserer Umgebung? Wie viel wird übermittelt – oder verdrängt? Und wie gehen wir damit um?
Wer also Lust hat auf eine literarische Erzählung, die gehört, gefühlt und nachgedacht werden will – nicht einfach nur „gut unterhalten“, sondern „angeregt werden“ –, dem kann ich dieses Buch herzlich empfehlen.
Rezension von Silvana
