Rezension / Jonas Hassen Khemiri - Die Schwestern

 

Rezensionsexemplar als Print

★★★   4    Sterne 

Die Schwestern
Erschienen bei Rohwolt
Hardcover (26,-€)
Übersetzung: Ursel Allenstein
Erscheinungstermin: 15.07.2025
 736 Seiten

𝕊𝕡𝕠𝕚𝕝𝕖𝕣𝕗𝕣𝕖𝕚𝕖 ℝ𝕖𝕫𝕖𝕟𝕤𝕚𝕠𝕟


Als ich Die Schwestern zum ersten Mal in der Hand hielt, war es tatsächlich das Cover, das mich sofort angezogen hat – diese warmen, fast flirrenden Farben, die förmlich nach Sommer, Geheimnis und Ferne riechen. Ich wusste da noch nicht, was für eine literarische Reise mir bevorstand, aber ich hatte ein gutes Gefühl. Und das hat sich im Großen und Ganzen auch bestätigt.


Der Roman ist mit seinen 736 Seiten ein echtes Schwergewicht – sowohl inhaltlich als auch emotional. Khemiri schafft es, eine vielschichtige Geschichte über mehrere Jahrzehnte hinweg zu erzählen, ohne sich in der Komplexität zu verlieren. Ich war besonders beeindruckt davon, wie er es schafft, große Themen wie Herkunft, Identität, Erinnerung und Verlust miteinander zu verweben, ohne dass es aufgesetzt wirkt.


Im Zentrum stehen Jonas (ja, der Erzähler heißt wie der Autor – was dem Ganzen einen spannenden Beigeschmack gibt) und die drei Schwestern Ina, Evelyn und Anastasia. Jede von ihnen hat eine ganz eigene Farbe, einen eigenen Rhythmus. Ina mit ihrer Ernsthaftigkeit, Evelyn, die irgendwie immer halb woanders ist, und Anastasia, bei der man nie weiß, ob man sie umarmen oder sich vor ihr verstecken will. Ihre Lebenswege kreuzen sich mit dem von Jonas immer wieder – in verschiedenen Ländern, zu verschiedenen Zeiten – und trotzdem hat man nie das Gefühl, dass irgendwas konstruiert wäre.


Was mich wirklich gepackt hat, ist diese melancholische Grundstimmung, die sich durch das Buch zieht. Der Fluch, den Jonas beschreibt – dass man alles verliert, was man liebt – hat mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt. Es ist kein Roman, den man mal eben wegliest. Er fordert, manchmal auch ein bisschen Geduld, aber er gibt einem dafür viel zurück.


Warum keine fünf Sterne? An ein paar Stellen hatte ich das Gefühl, dass sich die Geschichte ein wenig verliert – nicht im negativen Sinne, eher so, als würde man einen Fluss entlang paddeln, der plötzlich in eine Nebenströmung abbiegt. Schön, aber eben auch ein bisschen ausbremsend. Und ganz ehrlich: Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass die Dialoge weniger kryptisch und etwas direkter gewesen wären. Aber das ist Geschmackssache.


Fazit: Die Schwestern ist ein kraftvoller, atmosphärischer Roman, der viel Raum lässt zum Nachdenken und Nachfühlen. Kein Buch für zwischendurch, aber definitiv eines, das bleibt. Und allein für diese Art, Geschichten zu erzählen – über Generationen, Grenzen und Verluste hinweg – hat es sich mehr als gelohnt.


Rezension von Silvana