Rezension / Emily Dickinson - An irgendeinem Sommermorgen - Gedichte



Rezensionsexemplar als Print

★★    5     Sterne 

An irgendeinem Sommermorgen
Erschienen bei Reclam
Hardcover (16,-€)
Übersetzung: Gertrud Liepe
Erscheinungstermin: 14.05.2025
 224 Seiten

𝕊𝕡𝕠𝕚𝕝𝕖𝕣𝕗𝕣𝕖𝕚𝕖 ℝ𝕖𝕫𝕖𝕟𝕤𝕚𝕠𝕟


Ich habe nicht erwartet, dass mich ein schmales Reclam-Bändchen so lange beschäftigt. An irgendeinem Sommermorgen war für mich kein bloßes Leseerlebnis, sondern eher ein leiser Spaziergang durch Gedanken, die sich irgendwo zwischen Himmel und Erde aufhalten – so leicht und doch so scharf beobachtet, dass ich mehrmals innehalten musste.


Emily Dickinson ist für mich mittlerweile weniger eine Dichterin, mehr eine Art stille Gesprächspartnerin. Ihre Gedichte wirken auf den ersten Blick oft schlicht, fast beiläufig – aber sie treffen dann mit einer Wucht, die man erst ein paar Herzschläge später merkt. Wie sie Naturbilder nutzt, um über Tod, Zeit oder Einsamkeit zu sprechen, ist mal zärtlich, mal trocken ironisch, aber immer genau.


Besonders schön an dieser Ausgabe: Die zweisprachige Gestaltung. Ich kann kein Gedicht lesen, ohne automatisch ins Original zu springen. Dickinsons Sprache ist rhythmisch, schräg und voller kleiner Verschiebungen, die in der Übersetzung zwar liebevoll eingefangen wurden, aber eben im Original ganz eigen klingen.


Das Buch hat mich daran erinnert, wie viel zwischen zwei Zeilen passen kann – wenn jemand wie Dickinson sie schreibt. Kein lautes Werk, kein grelles Drama. Aber eines, das leuchtet. Und bleibt.


Perfekte Lektüre für einen ruhigen Morgen – oder jeden anderen Moment, der sich kurz wie Ewigkeit anfühlt.


Rezension von Silvana