𝕊𝕡𝕠𝕚𝕝𝕖𝕣𝕗𝕣𝕖𝕚𝕖 ℝ𝕖𝕫𝕖𝕟𝕤𝕚𝕠𝕟
Unter Grund von Annegret Liepold hat mich mit seinem Thema sofort neugierig gemacht. Eine junge Frau, die in ihre Heimat zurĂĽckkehrt und sich mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzt – inklusive Verstrickungen in die rechte Szene der 2000er – das klang nach einem mutigen und wichtigen Buch. Und ja, das ist es in vielerlei Hinsicht auch. Trotzdem hat es mich emotional nicht ganz so mitgenommen, wie ich gehofft hatte.
Die Ausgangslage ist stark: Franka kehrt in das fränkische Dorf ihrer Kindheit zurĂĽck, konfrontiert mit dem Schweigen ihrer Familie, mit Erinnerungen an eine Zeit, in der Wut, Zugehörigkeit und Frust zu einer gefährlichen Mischung wurden. Ich finde es wichtig, dass BĂĽcher wie dieses existieren – gerade jetzt. Der Blick auf die leisen, unspektakulären Anfänge von Radikalisierung im ländlichen Raum hat definitiv Relevanz.
Allerdings hatte ich beim Lesen öfter das GefĂĽhl, dass die Figuren etwas auf Distanz bleiben. Franka wird zwar greifbar, aber viele der anderen Charaktere wirken eher blass – gerade da hätte ich mir mehr Tiefe oder Konflikt gewĂĽnscht. Auch der Erzählstil ist streckenweise sehr ruhig, fast schon zurĂĽckhaltend, was zwar zur Stimmung passt, aber mich persönlich manchmal ausgebremst hat.
Was Unter Grund auf jeden Fall gut macht, ist, dass es keine einfachen Antworten liefert. Es wirft Fragen auf – nach Verantwortung, Verdrängung, Nachwirkungen von familiärem Schweigen – ohne moralisch zu belehren. Und das rechne ich dem Buch hoch an. Nur leider hat es bei mir nicht den emotionalen Sog entfaltet, den ich bei so einem Thema erwartet hätte.
Fazit: Ein wichtiges, mutiges DebĂĽt mit einer starken Idee – aber mit Luft nach oben, was Spannung, Figurenzeichnung und emotionale Tiefe angeht.
Rezension von Silvana
